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15.10.2004 lokal tazplan-Programm 107 Zeilen,
THOMAS MAUCH S. 28
Rezension: Village Voice Platten auf Verlangen:
Fan-Label macht historische Begegnungen mit Die Tödliche Doris, Frieder
Butzmann und Exil-System möglich Jetzt, liebe Leser,
geht es ganz tief hinab in den Keller des Berliner Untergrunds, in dem
über die Jahre fast vergessen noch ein paar Kisten aus der heroischen
Zeit des Genialen Dilletantentums herumstanden, die nun ausgepackt
werden. Die Taschenlampen bereit? Finstere Umgebung hier, in der einen
zuallererst das seltsame Schimmern von Die Tödliche Doris lockt.
"Fallersleben" nennt sich die Platte, und versprochen wird die
"Rückführung eines im Äther verschollenen Konzertes vom 3. Februar 1981
mit Hilfe eines Computerpsychophons im Sommer 2004". Alles unklar? Also
erst mal die sachdienlichen Hinweise: Als Abspielgeschwindigkeit (es
handelt sich hier heute ausschließlich um Vinyl) ist 45 U/min
angegeben. Kann man sich auch daran halten, obwohl man bei der
langsameren Geschwindigkeit etwas längeren Spaß hätte, und wer wirklich
meint, mit der korrekten Anwendung des Tonträgers (richtige
Umdrehungszahl, angeschlossene Boxen etc.) würde er hier eine
Super-Liveaufnahme von den abgründigen "7 tödliche Unfälle im Haushalt"
und drei weiteren Songs hören, hat sich bei der Doris geschnitten. Da
rauscht und pfeift es um Spurenelemente der versprochenen Lieder, die
selbst intime Doris-Kenner erst herausfiltern müssen aus dem
ungestalten Lärm, der dieser Gruppe den Ruf eingebracht hat, so
verdienstvoll wie unhörbar zu sein. Da wird man matt, da kann man gar
nicht anders: Das will man haben, gerade weil es keinen vernünftigen
Grund dafür gibt. Geduld und Spucke braucht man auch für
"Wunderschöne Rückkoppelungen" von Frieder Butzmann, aus der frühen
Jugend des Künstlers. Aufnahmen von 1969 bis 71, die genau das sind:
Rückkopplungen. Nicht als die expressive Geste, wie es Rockgitarristen
in Zwiesprache mit ihren Verstärkern machen, sondern als locker
kontrolliertes Surren und Pfeifen, mit Radio-Wellenswitchen und über
Sprechfunk mitgeschnittenen Gesprächsfetzen versetzt. Einfach aus der
unbekümmerten Lust an Klangerzeugung heraus, die hier hörbar gemacht
wird und dabei sogar zu manchen verblüffenden (soll man sagen: schönen)
Ergebnissen kommt, die sich die aktuelle Elektroszene mal anhören
sollte. Das ist alles was für das sonische
Abenteurertum, während Exil-System (bei denen auch Alex Hacke aktiv
war) mit "1979-2004" (ist aber bis auf ein Remix nur altes Material)
doch mehr was für echte Geschichtsforscher ist. Im Gegensatz zu
Butzmann und Doris ist hier das Aufnahmedatum genau heraushörbar, halt
New Wave mit Synthie-Schlag, was Anfang 80 der letzte Schrei war und
für heutige Ohren dementsprechend gealtert klingt. Eine Mischung aus
Depeche Mode, David Bowie und Dorfdisko. Ergibt Westberlin. Und exakt
lässt sich bestimmen, welche einst angesagte Hip-Platte man dort
jeweils gerade im Proberaum gehört hat, was ja auch wieder ein Spaß
ist, den der Frank Maier erst möglich gemacht hat, mit seinem
Vinyl-On-Demand-Label, bei dem all das in limitierten Hunderterauflagen
erschienen ist. So stellt man sich Plattenbosse gern vor: als Fans, die
Fans die Freude schenken. Für lächerliche 14 Euro pro Scheibe."
THOMAS MAUCH
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